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Fersenschmerzen am Morgen: der Anlaufschmerz

Der erste Schritt aus dem Bett fühlt sich an, als träte man in einen Nagel – nach ein paar Metern wird es besser. Warum der Anlaufschmerz genau morgens zuschlägt und welche Übungen Sie schon im Bett machen können, bevor der Fuss den Boden berührt.

Person sitzt am Bettrand und fasst sich beim Aufstehen an die schmerzende Ferse im morgendlichen Schlafzimmer

Kaum jemand beschreibt es anders: Der schlimmste Moment ist der erste Schritt am Morgen. Danach «läuft es sich ein». Dieser wiederkehrende Anlaufschmerz an der Ferse ist das Markenzeichen einer gereizten Fusssohlensehne – der Plantarfasziitis. Dieser Beitrag erklärt den Mechanismus, den viele Ratgeber übergehen, und zeigt eine kurze Routine, die genau dort ansetzt: noch im Bett, bevor der Fuss den Boden berührt.

Die kurze Antwort: Warum der erste Schritt wehtut

Warum tut die Ferse morgens nach dem Aufstehen weh?

Die Plantarfaszie ist ein kräftiges Band aus Bindegewebe, das vom Fersenbein bis zu den Zehen zieht und das Fussgewölbe stützt. Wird dieses Band an seinem Ansatz am Fersenbein überlastet, entsteht eine Reizung mit kleinen Gewebeschäden, die der Körper laufend zu reparieren versucht. Der Schmerz sitzt typischerweise unten an der Innenseite der Ferse und ist morgens beim ersten Schritt am stärksten.

Der Grund für dieses Muster liegt in der Nacht. Im Schlaf steht der Fuss meist locker nach unten gestreckt, die Sehne bleibt stundenlang in verkürzter Position und das gereizte Gewebe steift ein. Der erste Schritt zieht die Faszie dann schlagartig auf ihre volle Länge – und reizt genau die Stellen, die über Nacht zu heilen begonnen haben. Nach ein paar Minuten Bewegung wird das Gewebe geschmeidiger und der Schmerz lässt nach. Dasselbe passiert oft nach langem Sitzen.

Der übersehene Mechanismus in der Nacht

Viele Beiträge nennen «Überlastung» als Ursache und empfehlen Dehnen – aber sie erklären selten, warum ausgerechnet der Morgen so heikel ist. Genau hier lohnt sich der genauere Blick, denn er verändert, wann man am sinnvollsten übt.

Über Nacht verkürzt sich die Plantarfaszie zusammen mit der Wadenmuskulatur und der Achillessehne, weil der Fuss in Streckstellung ruht. Das Gewebe «heilt» in dieser verkürzten Länge an. Der erste belastete Schritt wirkt dann wie ein plötzliches Aufreissen: Die frischen, noch instabilen Reparaturstellen werden ruckartig gedehnt und teils erneut leicht verletzt. Deshalb ist der Anlaufschmerz kein Zufall, sondern die direkte Folge der nächtlichen Verkürzung. Auf demselben Gedanken beruht übrigens die Empfehlung von Nachtschienen, die den Fuss über Nacht in leichter Aufwärtsstellung halten und in Leitlinien zur Plantarfasziitis als Option genannt werden.

Die praktische Schlussfolgerung ist einfach und wird oft übersehen: Wenn die Verkürzung über Nacht das Problem verschärft, sollte man die Sehne sanft aufwärmen und verlängern, bevor man das volle Körpergewicht daraufstellt – also noch im Liegen oder Sitzen. Genau das ist der Kern des bekanntesten Dehnprotokolls für die Plantarfaszie: Es sieht ausdrücklich vor, morgens vor den ersten Schritten zu dehnen.

Die 3-Minuten-Routine im Bett – vor dem ersten Schritt

Die folgende kurze Abfolge machen Sie, bevor Sie aufstehen: erst im Liegen, dann am Bettrand sitzend. Sie ersetzt keine Behandlung, sondern soll den gefürchteten ersten Schritt entschärfen. Bewegen Sie sich langsam und bleiben Sie im Bereich eines spürbaren, aber nicht stechenden Zugs.

  1. Zehen kreisen und Fuss anziehen (ca. 30 Sekunden). Noch liegend den Fuss mehrmals langsam nach oben zum Schienbein ziehen und wieder lockern, dazu die Zehen ein paar Mal kreisen. Das bringt Bewegung in Sprunggelenk und Sehne.
  2. Handtuch-Dehnung der Wade (2× 30 Sekunden). Ein Handtuch oder einen Gürtel um den Fussballen legen, das Bein gestreckt lassen und den Fuss sanft zu sich heranziehen, bis es in Wade und Fusssohle zieht. Halten, ruhig atmen, dann Seite wechseln.
  3. Plantarfaszie gezielt dehnen (2× 30 Sekunden). An den Bettrand setzen, das betroffene Bein über das andere Knie legen. Mit einer Hand die Zehen fassen und nach oben Richtung Schienbein ziehen, bis sich die Fusssohle straff anfühlt. Mit der anderen Hand können Sie das straffe Band unter dem Fuss ertasten. Diese sehnenspezifische Dehnung gilt als besonders wirksam.
  4. Fusssohle ausrollen (ca. 30 Sekunden). Im Sitzen den Fuss über einen kühlen Wasserball, eine Flasche oder eine feste Rolle rollen – vom Ballen bis zur Ferse. Erst danach vorsichtig aufstehen.
💡 Tipp

Legen Sie die Rolle oder das Handtuch schon am Abend ans Bett. Wer die Routine wirklich täglich vor dem ersten Schritt macht, berichtet meist als Erstes, dass der Morgenschmerz milder wird. Ergebnisse brauchen aber Wochen – nicht Tage.

Übungen für tagsüber: dehnen und kräftigen

Welche Übungen helfen bei Fersenschmerzen?

Die Morgenroutine nimmt dem Anlaufschmerz die Spitze; die eigentliche Besserung kommt aber vom regelmässigen Üben über den Tag. Zwei Bausteine sind gut untersucht: Dehnen und Kräftigen.

Beim Dehnen geht es vor allem um die Fusssohlensehne und die Wade. Eine gezielte, sehnenspezifische Dehnung der Plantarfaszie – Zehen zum Schienbein ziehen – verbesserte in einer klinischen Untersuchung Schmerz und Funktion bei hartnäckigen Beschwerden deutlich, mit anhaltendem Nutzen über zwei Jahre. Zwei bis drei Durchgänge, mehrmals täglich, reichen aus.

Beim Kräftigen hat sich der langsame Fersenheber bewährt: im Stand langsam auf die Zehenspitzen gehen und ebenso langsam wieder absenken, idealerweise mit einem zusammengerollten Tuch unter den Zehen, damit die Faszie mitarbeitet. In einer Studie mit hoher Trainingslast führte dieses Krafttraining nach drei Monaten zu einer rascheren Besserung als Dehnen allein; auf längere Sicht waren beide Ansätze ähnlich wirksam. In weiteren Untersuchungen besserten sich die Beschwerden ohnehin mit jedem der geprüften Übungsprogramme – die Botschaft lautet also vor allem: dranbleiben.

Der Mythos Fersensporn

Was ist der Unterschied zwischen Fersensporn und Plantarfasziitis?

Wer wegen Fersenschmerzen geröntgt wird, hört oft: «Sie haben einen Fersensporn.» Das klingt nach der Erklärung – ist es aber meist nicht. Die Plantarfasziitis ist die Reizung der Fusssohlensehne und die eigentliche Schmerzquelle. Der Fersensporn ist ein kleiner knöcherner Auswuchs am Fersenbein, der auf dem Röntgenbild sichtbar wird.

Dass der sichtbare Sporn selten der Übeltäter ist, zeigt sich, wenn man Menschen ohne Beschwerden untersucht. In einer Auswertung von Fersenschmerz-Röntgenbildern galt der Sporn heute als Zufalls- oder Begleitbefund und nicht als Ursache. In einer Untersuchung an älteren Personen hatte über die Hälfte der Fusssohlen-Röntgenbilder einen Sporn, ohne dass dieser mit der Fussform zusammenhing – Sporne treten dort eher bei Übergewicht und Arthrose auf. Kurz gesagt: Viele Menschen mit Sporn haben keine Schmerzen, und viele mit Plantarfasziitis haben keinen Sporn. Der Sporn ist eher eine Spur früherer Belastung als deren Ursache – und muss in aller Regel nicht «entfernt» werden, um die Schmerzen loszuwerden.

Wie lange dauert es – und darf man weitergehen?

Wie lange dauert eine Plantarfasziitis?

Ehrlich gesagt: oft länger, als man hofft. Die gute Nachricht ist, dass die Beschwerden bei den allermeisten Menschen unter konsequenter, konservativer Behandlung wieder verschwinden – erfahrungsgemäss im Verlauf von etwa sechs bis achtzehn Monaten. Das klingt lang, doch die entscheidende Weiche stellt man früh: regelmässig dehnen und kräftigen, die Belastung anpassen und dem Gewebe Zeit geben. Wer nach zwei Wochen aufgibt, weil «es nichts bringt», verschenkt den Nutzen, der sich erst über Wochen aufbaut.

Soll man bei Plantarfasziitis weitergehen?

Vollständige Schonung ist meist weder nötig noch hilfreich. Moderate Alltagsbewegung ist erlaubt, solange der Schmerz erträglich bleibt und danach nicht deutlich stärker wird. Sinnvoller als Nichtstun ist, die Art der Belastung zu steuern: lange, harte Belastungen und Barfusslaufen auf hartem Boden vorübergehend reduzieren, gut dämpfende Schuhe tragen und schmerzhafte Spitzen meiden. Wärme oder ein kühler Guss nach Belastung sind Geschmackssache und dürfen nach Gefühl eingesetzt werden.

⚠️ Wichtig

Ein plötzlicher, lauter Knall oder Riss in der Ferse mit sofortiger Schwäche, eine geschwollene, gerötete oder taube Ferse, Fersenschmerzen nach einem Sturz oder Beschwerden, die trotz konsequenter Übungen über Wochen nicht nachlassen, gehören ärztlich oder physiotherapeutisch abgeklärt. Im medizinischen Notfall gilt in der Schweiz die Nummer 144.

Orientierungshilfe bei morgendlichem Fersenschmerz; keine individuelle Behandlungsempfehlung. Quellen: Martin 2014, DiGiovanni 2006, Rathleff 2015, Moroney 2013.
Situation oder ZielWas die Evidenz nahelegt
Erster Schritt am MorgenVor dem Aufstehen Wade und Fusssohle sanft dehnen, dann langsam belasten
Beschwerden dauerhaft angehenSehnenspezifisches Dehnen plus langsame Fersenheber, über Wochen
Rascher etwas LinderungKrafttraining mit hoher Last brachte teils früher Besserung als Dehnen allein
Sporn im RöntgenbildMeist Nebenbefund; kein Grund für Panik oder vorschnelle Eingriffe
Alltag und GehenModerat weiterbewegen, harte Spitzenbelastungen anpassen
Erwartung an die DauerGeduld: Besserung meist über Monate, nicht über Tage

Die gute Nachricht bleibt: Fersenschmerzen am Morgen sind unangenehm, aber in aller Regel gut behandelbar – und der Weg dorthin führt über einfache, konsequent geübte Bewegungen statt über spektakuläre Massnahmen. Wenn Sie sich für den Zusammenhang von Aufwärmen, Dehnen und Belastung insgesamt interessieren, hilft der Blogbeitrag zur Frage, ob man Dehnen vor oder nach dem Sport ansetzt. Grundlagen zu Behandlungsformen, Ablauf einer Therapie und Anwendungen bei bestimmten Beschwerden bietet ausserdem der Physiotherapie-Ratgeber der Physiothek – dort stimmen Fachpersonen die passende Dosis individuell ab.

Häufige Fragen

Warum tut die Ferse morgens nach dem Aufstehen weh?

Über Nacht ruht der Fuss meist in leichter Streckstellung, die Fusssohlensehne verkürzt sich und das gereizte Gewebe steift ein. Der erste Schritt zieht diese verkürzte Sehne ruckartig auf ihre volle Länge – das reizt die feinen, über Nacht begonnenen Heilungsstellen und löst den typischen stechenden Anlaufschmerz aus. Nach einigen Schritten wird das Gewebe geschmeidiger und der Schmerz lässt nach. Dasselbe Muster tritt oft auch nach längerem Sitzen auf.

Was ist der Unterschied zwischen Fersensporn und Plantarfasziitis?

Plantarfasziitis ist eine Reizung der Fusssohlensehne am Ansatz zum Fersenbein und die häufigste Ursache von Fersenschmerzen. Ein Fersensporn ist dagegen ein knöcherner Auswuchs, den man auf dem Röntgenbild sieht. Früher galt der Sporn als Ursache, heute meist als Nebenbefund. Viele Menschen mit Sporn haben keine Beschwerden, und viele mit Plantarfasziitis haben gar keinen Sporn.

Wie lange dauert eine Plantarfasziitis?

Meist länger, als man hofft, aber die Aussichten sind gut. Bei den meisten Betroffenen bessern sich die Beschwerden unter konsequenter, konservativer Behandlung im Verlauf von etwa sechs bis achtzehn Monaten deutlich. Dehn- und Kräftigungsübungen wirken selten über Nacht; entscheidend ist, dass man wochenlang dranbleibt.

Welche Übungen helfen bei Fersenschmerzen?

Bewährt haben sich drei Bausteine: gezieltes Dehnen der Fusssohlensehne (Zehen zum Schienbein ziehen), Dehnen der Wade sowie kräftigende Fersenheber, idealerweise mit einem unter die Zehen gelegten Tuch. In Studien verbesserten sowohl ein Dehnprogramm für die Plantarfaszie als auch ein Krafttraining Schmerz und Funktion; das Krafttraining brachte teils schneller Linderung. Wichtig ist, morgens vor dem ersten Schritt zu dehnen.

Soll man bei Plantarfasziitis weitergehen?

Ganz ruhigstellen muss man den Fuss in der Regel nicht. Moderate Alltagsbewegung ist erlaubt und meist sinnvoll, solange der Schmerz erträglich bleibt und danach nicht deutlich zunimmt. Hilfreicher als Schonung ist oft, die Belastung anzupassen: harte, lange Belastungen und Barfusslaufen auf hartem Boden vorübergehend reduzieren, gut dämpfende Schuhe tragen. Bei starken oder wochenlang anhaltenden Schmerzen suchen Sie eine Fachperson auf.

Quellen

  1. Martin RL, Davenport TE, Reischl SF, et al. Heel pain – plantar fasciitis: revision 2014 (Clinical Practice Guideline, APTA Orthopaedic Section). J Orthop Sports Phys Ther 2014;44(11):A1–33. doi:10.2519/jospt.2014.0303
  2. DiGiovanni BF, Nawoczenski DA, Malay DP, et al. Plantar fascia-specific stretching exercise improves outcomes in patients with chronic plantar fasciitis. A prospective clinical trial with two-year follow-up. J Bone Joint Surg Am 2006;88(8):1775–1781. doi:10.2106/JBJS.E.01281
  3. Rathleff MS, Mølgaard CM, Fredberg U, et al. High-load strength training improves outcome in patients with plantar fasciitis: a randomized controlled trial with 12-month follow-up. Scand J Med Sci Sports 2015;25(3):e292–300. doi:10.1111/sms.12313
  4. Kamonseki DH, Gonçalves GA, Yi LC, Lombardi Júnior I. Effect of stretching with and without muscle strengthening exercises for the foot and hip in patients with plantar fasciitis: a randomized controlled single-blind clinical trial. Man Ther 2015;23:76–82. doi:10.1016/j.math.2015.10.006
  5. Moroney PJ, O'Neill BJ, Khan-Bhambro K, et al. The conundrum of calcaneal spurs: do they matter? Foot Ankle Spec 2014;7(2):95–101. doi:10.1177/1938640013516792
  6. Menz HB, Zammit GV, Landorf KB, Munteanu SE. Plantar calcaneal spurs in older people: longitudinal traction or vertical compression? J Foot Ankle Res 2008;1(1):7. doi:10.1186/1757-1146-1-7
  7. Tan VAK, Tan CC, Yeo NEM, et al. Consensus statements and guideline for the diagnosis and management of plantar fasciitis in Singapore. Ann Acad Med Singap 2024;53(2):101–112. doi:10.47102/annals-acadmedsg.2023211
  8. physioswiss – Schweizer Physiotherapie Verband. Bewegung und Training. physioswiss.ch
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information auf Grundlage der evidenzbasierten Medizin und ersetzt keine ärztliche oder physiotherapeutische Beratung. Er enthält keine individuelle Behandlungsempfehlung. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden wenden Sie sich an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Physiotherapeutin. Im medizinischen Notfall gilt in der Schweiz die Nummer 144.